Das Motto des Kunstfestes 2010 heißt »Irrlichter« – nach einem Klavierstück von Franz Liszt, im Originaltitel »Feux follets«. Ein magisches Wort, ein abgründiges Motto.
Die Wissenschaft meint, die über Sümpfen und Mooren gelegentlich auftauchenden bläulichen Leuchterscheinungen rührten von Faulgasen her. Das Irrlicht aber ist in Sagen, Mythen und Märchen zu Haus. Irrlichter werden von bösen Geistern eingesetzt, um den Wanderer, vor ihm hertanzend, absichtlich ins Moor, in die Irre zu locken. Unnachahmlich bringt die deutsche Sprache hier die Irre – den Wegverlust – und das Irresein – den Geistesverlust – zusammen.
Das Irrlicht ist aber auch Führer in die Traum- und Zaubersphäre. Ein Irrlicht führt Faust und Mephisto in der Walpurgisnacht zum Blocksberg hinauf, es beugt sich den Befehlen Mephistos, der ihm sonst sein „Flackerleben« auszublasen droht. Einerseits leuchtet das Irrlicht also brav den Weg voran, andrerseits läßt es sich vom Teufel knechten und bekennt, daß es nur im Zickzack laufen könne.
»Irrlichter« sind zweideutige Führer, es geht ins Ungewisse. Das liebt die Kunst – Kunst kommt ja nicht mit erhobenem Zeigefinger daher, sondern will tanzen, Traum-Terrain betreten und »erleuchtete« Zustände erzeugen. Genie und Irrsinn, Kunst und Wahn hängen zusammen, ihnen eng verwandt ist aber auch die Einfalt von Kindern und Narren – die bekanntlich die Wahrheit sagen.
Musikalische »Irrlichter« werden im Programm 2010 zur Genüge auftauchen – in Schuberts Winterreise etwa und ihren zeitgenössischen Bearbeitungen, Irrlichter werden in halbszenischem Musiktheater aufleuchten – in den »Eight Songs for a Mad King« von Peter Maxwell Davies oder den prominenten Wahnsinnsarien aus dem 19. Jahrhundert – von Lucia di Lammermoor bis zu Salomes Schlußgesang. Die Bezüge zwischen Kunst und Wahn soll eine repräsentative Ausstellung deutlich machen – geplant ist eine Schau aus den berühmten Sammlungen Prinzhorn, Gugging und der »Art Brut« in Lausanne.
Der Film wird keine Schwierigkeit haben, dieses Thema abzubilden, ebenso wenig wie die Literatur – E.T.A. Hoffmann, Robert Walser, Samuel Beckett. In Diskussionen wird man sich fragen müssen, welche »Flackerleben« wir eigentlich führen, von Terminen und bläulich blinkenden Handysignalen gejagt, während die »dritte Welt« in Wirbelstürmen versinkt.
Franz Liszt, Hausheiliger des Kunstfestes, erhält wie jedes Jahr einen Ehrenplatz. Zwei der namhaftesten Pianisten unserer Zeit werden Liszt spielen: Boris Beresovsky und Valery Afanassiev, der Virtuose und der Magier.
Der zeitgenössische Tanz wird ein Schwerpunkt bleiben, mit großen internationalen Produktionen. Savion Glover's »Bare Soundz«, eine umwerfende Tap-Dance-Performance, steht schon fest und auch »Nearly Ninety«, letztes, aber sehr lebendiges Werk von Merce Cunningham. Geplant ist auch eine Tanztheater-Uraufführung: die erfolgreiche Truppe Nico and the Navigators hat sich für 2010 eine Rossini-Messe vorgenommen. Ein Auftrag für eine ortsspezifische Arbeit im klassizistischen Weimarer »Schießhaus« ist an jüngere Tanz/Theater und Medienperformer ergangen – den Theaterregisseur Lukas Matthaei und den Choreographen Ingo Reulecke. Ihre multimediale Arbeit wird die Erfahrungen aus unserer TanzMedienAkademie fortsetzen und zugleich Bezug auf Weimar nehmen.
Auch das artist in residence-Programm wird fortgesetzt: 2010 aber kommen nicht, wie in diesem Jahr, »Brüder im Geiste« – sondern zwei leibhaftige Geschwister: die preisgekrönte Geigerin Carolin Widmann und ihr Bruder Jörg Widmann, begnadeter Klarinettist und Komponist. In ihren kammermusikalischen Programmen wird sowohl Zeitgenössisches wie Klassisches zu hören sein, Schubert wie Schumann, aber auch Alban Berg, Aribert Reimann und Béla Bartók. Ein Uraufführungsauftrag, für die Geschwister ein Stück zu schreiben, erging an Pierre Boulez.
Das große Eröffnungsfest im Weimarhallen-Park ist nun schon Tradition geworden, Weimar feiert Walpurgis, funkelnde Bands spielen auf.
Am Vorabend aber erinnert das Auftaktskonzert »Gedächtnis Buchenwald« an die politische Geschichte Weimars. Die Staatskapelle Weimar spielt, es dirigiert der international bekannte Michael Boder. Auf dem Programm stehen die »Ekklesiastische Aktion« für zwei Sprecher, Baß-Solo und Orchester von Bernd Alois Zimmermann und das Adagio aus Anton Bruckners 9. Symphonie.
Škoda ist einer der Hauptförderer und Fahrzeugpartner des Kunstfestes Weimar!
Ort: Weimar
Nächster Termin: 20. August - 12. September 2010
Mehr Informationen: www.kunstfest-weimar.de




