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"Indianerschatten"


Illustration von Marina Krämer

Eigentlich war dies der kuscheligste Platz,

den sich Felix nur wünschen konnte.

Dieser Autoreifen, in dem er sich immer

versteckte, hatte genau die richtige Größe

für seinen kleinen Körper, genau den

richtigen Ausblick für seine spitze

Vorwitznase und vor allem: Immer wieder

Leckereien für seinen ständigen Appetit.

Dicke Brötchenkrümel oder herrliche Schokolade-Stückchen, die den Besuchern des Autohauses aus den Händen oder Taschen fielen und die Felix nur aufsammeln musste.

Ein herrliches Leben! Ein Leben, wie es sich Felix nicht besser hätte wünschen können.

Wenn nur – ja, wenn nur dieses nächtliche Problem nicht gewesen wäre.

Felix schauderte stets, wenn er nur daran dachte.

Jeden Abend kam er hervor, dieser Schatten. Immer dann, wenn die Besucher des Autohauses

längst gegangen waren.

Wenn draußen die Sonne allmählich versank und die Nachtbeleuchtung des Autohauses

eingeschaltet wurde, dann kam er hervor – der Indianderschatten. Denn so hatte ihn Felix

inzwischen getauft: den Indianerschatten.

Auf einem spitzen Pfeil kam er angeflogen, der Indianer, und er setzte sich immer auf den

Boden. Immer dicht vor Felix` Autoreifenversteck.

Dann duckte sich Felix und verkroch sich in seiner Felge. Er bibberte und zitterte dann vor

Angst und hoffte nur, dass diese Nacht schnell vorüber gehen würde.

Auch heute Abend war es wieder so. Bald schon würde die Sonne versinken. Bald schon

würde die Nachtbeleuchtung in dem Autohaus eingeschaltet werden. Und Felix war noch

immer wach.

Er hatte zum Abendbrot ein ganzes Schokobrötchen verputzt, das ein Mädchen mit langen

Zöpfen hatte fallen lassen. Doch das Brötchen war wohl zu viel gewesen. Felix` Bauch

rumorte und knurrte und ließ den kleinen Kerl nicht einschlafen. So fest Felix auch die Augen

aufeinander drückte, es wollte nicht gelingen.

Und bald schon würde doch der Indianerschatten auftauchen und ...

Was war denn das?? Felix spitzte die Ohren. Da war doch gerade ein Geräusch gewesen, das

...

Da, schon wieder. Felix stellte sich auf alle Viere. Es klang, als ob jemand in dem Autohaus

war. Und zwar genau hier, dicht vor Felix` Autoreifen.

Felix zuckte zusammen. „War das vielleicht schon der Indianerschatten?“, fuhr es ihm durch

den Sinn. Doch schnell schüttelte er den Kopf. Der Indianer hatte bisher noch nie ein

Geräusch gemacht und es war auch noch zu hell für ...

 


In diesem Moment huschte etwas vor seinem Versteck vorbei. Felix erschrak und hielt den

Atem an.

Was ging hier nur vor?

Es half nichts. Er musste nachsehen. Er konnte doch unmöglich die ganze Nacht hier in

seinem Versteck ausharren, mit all seiner Angst.

Er nahm seinen Mut zusammen und blinzelte aus seinem Versteck heraus.

„Puh!“, dachte er erleichtert. Der Indianerschatten war es nicht. Von ihm war nichts zu sehen.

Schon wagte Felix, seinen Kopf aus dem Versteck zu strecken. Nichts war zu sehen. Und es

war auch nichts mehr zu hören.

Er machte einen Schritt aus dem Reifen

heraus, als er ...

In diesem Moment geschah alles

blitzschnell. Felix erkannte aus den

Augenwinkeln noch, dass etwas auf ihn

zugesprungen kam. Er wollte losrennen,

doch es war schon zu spät. Eine riesige

Katerpfote hatte ihn bereits gepackt und

hielt ihn fest.

„Hab ich dich endlich!“, knurrte der Kater und blickte auf die Maus herab. „Schon seit Tagen

beobachte ich dich, wie du hier im Autohaus herumschleichst und wie du es dir gut gehen

lässt.“

Felix schluckt hart. „Schon seit Tagen beobachtest du mich? Dann sind wir ja alte Bekannte.

Und du wirst doch einen guten, alten Freund nicht einfach so auf deine Speisekarte setzen ...“

„Ruhe“, brummte der Kater. Er wies mit seiner Schnauze auf das Matratzengeschäft auf der

anderen Straßenseite. „Da wohne ich seit einigen Tagen“, erklärte er. „In dem Laden da

drüben. Und von da aus kann ich genau sehen, was du hier jeden Abend treibst. Und jeden

Abend habe ich dann so einen Hunger im Bauch. Und einen Appetit. Vor allem auf

vorwitzige Mäuse und jetzt endlich kann auch ich schmecken, wovon ich die ganze Zeit nur

träumen durfte.“

Der Kater hob Felix in seiner Pfote langsam in die Höhe. Er öffnete schon seine Schnauze, in

der ihm das Wasser zusammen lief.

Felix schloss die Augen. Er hatte ja keine Chance gegen diesen riesigen Kater und ...

Da fiel ihm etwas ein. Schnell riss er die Augen wieder.

„Hat du denn auch alles gesehen?“, rief Felix aus und der Kater hielt inne.

„Alles gesehen? Wie meinst du das?“

„Na, hast du von da drüben auch meinen besten Freund gesehen?“

Jetzt ließ der Kater ihn wieder herunter zur Erde, hielt ihn aber weiterhin in der Pfote gepackt.

„Einen Freund?“, fragte er. „Einen Freund? Ne, ich habe hier keine Freunde von dir gesehen.“

„Dann kennst du den Indianer gar nicht?“, rief die Maus ihm zu und der Kater verstand gar

nichts mehr. „Was denn für ein Indianer?“

„Er kommt jeden Abend um die gleiche Zeit und bleibt die ganze Nacht bei mir. Es ist ein

riesiger alter Indianer, mit einem langen spitzen Pfeil in der Hand, stets bereit, Feinde in die

Flucht zu schlagen. Den kennst du nicht?

Oh, der Indianer wird mich heute Abend aber sehr vermissen, wenn er kommt, der Indianer.

Und er wird ganz bestimmt Jagd machen auf denjenigen, der mich entführt oder sogar

gefressen hat. Und er kennt keine Gnade, dieser Indianer.“

Der Kater saß mit offenem Maul vor der Maus und hörte ihr gespannt zu. Er schien nicht

gerade einer der mutigsten Katertiere zu sein, denn seine Augen weiteten sich mit jedem

Wort, das die Maus sagte.

„Und – und – und ...“, stotterte er. „Wann kommt der so, dein Indianerfreund?“

Felix warf einen Blick nach draußen zu der Sonne, die beinahe hinter den Dächern der Häuser

verschwunden war.

„Och“, sagte er. „Ich erwarte ihn jeden Moment.“

„Was?“ Vor Schreck ließ der Kater die Maus los. „Jeden Moment? Du meinst ...“

Und genau in diesem Moment geschah es: Die Nachtbeleuchtung des Autohauses schaltete

sich ein und auf dem Boden des Geschäftes zeigte sich der Schatten des Indianers.

„Aaaaah!“ Der Kater schrie so laut und entsetzt auf, dass es der Maus in den Ohren dröhnte.

„Ist – ist – ist er das?“

 


Felix schüttelte schnell den Kopf. „Ne, das ist nur sein Schatten. In Wirklichkeit ist er viel

größer und breiter und stärker und ...“

Der Kater geriet in Panik. „I- ich muss weg. Äh, friss dich doch alleine auf, wenn du Lust hast,

ich kann – ich darf – ich muss ...“ Und damit machte er einen riesigen Satz über Felix hinweg

und rannte um sein Leben.

Die Maus kicherte und blickte dem Kater hinterher.

Doch dann verging ihr das Lachen. Denn mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie immer noch

genau neben dem Indianerschatten stand. Und zwar allein und nicht versteckt.

Langsam, zitternd wandte Felix sich um und blickte auf den Schatten. Doch der rührte sich

nicht. Also wagte Felix einen Schritt auf sein Versteck zu.

Der Schatten rührte sich noch immer nicht.

Felix wagte noch einen Schritt und noch einen und als er sein Versteck erreicht hatte, fiel sein

Blick auf die Radkappe und – alle Angst war verflogen. Endlich wusste er, wer – oder besser

was – der Indianerschatten war.

Felix` Blick war auf das Zeichen der Automarke gefallen: das SKODA-Symbol, das auf allen

Radkappen der Autos abgebildet ist. Und hier draußen, vor seinem Versteck, erkannte Felix

endlich, dass der Schatten genau dieses Symbol war.

Jetzt verstand die Maus alles: Wenn die Nachtbeleuchtung des Autohauses eingeschaltet

wurde, dann strahlten die Außenlichter das SKODA-Symbol vor dem Schaufenster an. Und

der Schatten des Symbols wurde in das Autohaus geworfen. Genau hierher: vor Felix`

Versteck.

Die Maus kicherte. Sie tappte stolz auf den Schatten zu. Sie warf einen Blick hinüber zu dem

Laden und lachte laut auf.

In dieser Nacht – in seiner bisher

mutigsten Nacht – hatte Felix gleich zwei

Monster besiegt. Das wahre Kater-

Monster und das eingebildete Schatten-

Monster.

Glücklich krabbelte er in seine Felge, legte

sich gemütlich auf die Seite und freute

sich schon auf seinen Schlaf.

Denn den würde ihm in der nächsten Zeit niemand so schnell stehlen können.


Stefan Gemmel

für: SkodaAuto Deutschland

 

 

  
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